„Ich bin diese Blume.“ | Geschichte aus meiner Praxis

Wenn innere Bilder sichtbar machen, was Worte nicht sagen

Manchmal ist es nicht das große Bild, das etwas erzählt.

Manchmal ist es eine kleine Blume am Rand.

Eine Blume, die man beinahe übersehen könnte – und die doch genau das sichtbar macht, wofür ein Mensch in diesem Moment noch keine Worte gefunden hat.

Diese Geschichte ist vor vielen Jahren bei einem Märchenabend in einer Frauenrunde entstanden. Und sie ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.

Ein Märchenabend unter Frauen

An diesem Abend arbeitete ich mit einer Gruppe von Frauen mit dem Märchen „Rumpelstilzchen“.

Märchen und innere Bilder können einen besonderen Zugang zu unserem Erleben eröffnen. Deshalb führte ich die Teilnehmerinnen zunächst mit einer leichten Trance in einen ruhigen, entspannten Zustand.

Anschließend waren sie eingeladen, das, was in ihnen entstanden war, in einem Bild auszudrücken.

Eine der Frauen kannte ich bis zu diesem Abend noch nicht.

Sie malte eine lebendige, beinahe fröhliche Szene: einen kleinen Zwerg, der ausgelassen über eine Wiese hüpfte.

Als wir die Bilder anschließend gemeinsam betrachteten, fiel einer Teilnehmerin auf, dass die gesamte Darstellung sie an einen Uterus erinnerte.

Daraufhin erzählte die Frau etwas, das niemand in der Runde wusste:

Sie war im fünften Monat schwanger.

Natürlich freuten sich die anderen Frauen mit ihr und gratulierten ihr.

Doch währenddessen bemerkte ich etwas anderes.

Da war noch diese kleine Blume

Am Rand ihres Bildes befand sich eine kleine Blume.

Ganz für sich.

Der Kopf hing nach unten.

Sie war nur ein winziges Detail neben all dem Leben, das auf dem übrigen Bild zu sehen war. Und doch blieb mein Blick an ihr hängen.

Ich fragte die Frau behutsam nach dieser Blume.

Ihre Antwort war ganz schlicht:

„Ich bin diese Blume.“

Plötzlich bekam das Bild eine andere Tiefe.

Sie erzählte, dass sie sich seit Beginn ihrer Schwangerschaft verändert wahrgenommen fühlte. Die Menschen um sie herum sahen vor allem die werdende Mutter. Sie interessierten sich für die Schwangerschaft, das Baby und alles, was damit zusammenhing.

Doch sie selbst hatte zunehmend das Gefühl, als eigenständiger Mensch dahinter zu verschwinden.

Wo war sie geblieben?

Während der kleine Zwerg voller Lebensfreude über die Wiese sprang, stand diese eine Blume am Rand.

Und in ihr erkannte die Frau sich selbst.

Wenn unser Inneres einen Ausdruck findet

Solche Momente berühren mich auch nach vielen Jahren meiner Arbeit immer wieder.

Nicht, weil eine Blume grundsätzlich für etwas Bestimmtes steht. Und auch nicht, weil sich innere Bilder nach einer festen Anleitung übersetzen ließen.

Darum geht es nicht.

Es geht um den Moment, in dem ein Mensch in seinem eigenen Bild plötzlich etwas von sich erkennt.

Etwas, das vielleicht schon lange gefühlt wurde, aber noch keinen Namen hatte.

Unser Inneres findet manchmal einen Ausdruck, bevor wir selbst Worte dafür finden.

Meine Aufgabe ist es dabei nicht, einer Frau zu erklären, was ihre Blume, ihr Zwerg oder ihre Wiese bedeutet.

Ich schaue mit ihr hin.

Ich frage.

Ich höre zu.

Und ich nehme wahr, wo sich etwas zeigt, das bisher vielleicht übersehen wurde.

Manchmal ist es ein Satz. Manchmal eine Erinnerung. Manchmal ein Gefühl.

Und manchmal ist es nur eine kleine Blume am Rand eines Bildes.

Das Thema hinter dem Thema

Nach außen hätte die Geschichte an diesem Abend ganz anders erzählt werden können:

Eine Frau ist schwanger.
Sie malt ein fröhliches Bild.
Die anderen Frauen freuen sich mit ihr.

Und all das war wahr.

Aber es war eben nicht die ganze Geschichte.

Da war noch die Frau hinter der werdenden Mutter. Mit ihren eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und ihrer eigenen Geschichte.

Genau dort beginnt für mich die eigentliche Arbeit.

Nicht bei dem, was auf den ersten Blick sichtbar ist.

Sondern bei dem, was darunter liegt.

Beim Thema hinter dem Thema.


Was zeigt sich bei dir, wenn du genauer hinschaust?

Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Eigentlich ist alles in Ordnung – und trotzdem spürst du, dass etwas in dir Aufmerksamkeit braucht.

Oder bestimmte Situationen, Gefühle und Muster kehren immer wieder zurück und du kannst nicht wirklich greifen, warum.

In der Lebensanalyse schauen wir gemeinsam hinter das Offensichtliche. Wir suchen den roten Faden in deiner Geschichte und das Thema hinter dem Thema.