Märchen erzählen von Angst und Mut, von Ohnmacht und Stärke, von Verlust, Wandlung und Neubeginn.
Manchmal berührt eine Geschichte dabei etwas in uns, von dem wir vorher gar nicht wussten, dass es noch da ist.
In meiner Arbeit nutze ich Märchen deshalb nicht nur als Geschichten. In Verbindung mit dem Katathymen Bilderleben können sie einen Zugang zu inneren Bildern und Gefühlen eröffnen, die sich mit Worten allein manchmal nur schwer erreichen lassen.
Wenn aus einem Märchen ein inneres Bild wird
Beim Katathymen Bilderleben – kurz KIB – begleite ich meine Klientinnen und Klienten zunächst in einen Zustand tiefer Entspannung.
Ähnlich wie bei einem Tagtraum können dabei innere Bilder entstehen. Sie müssen weder geplant noch bewusst gesteuert werden, sondern dürfen einfach auftauchen.
In dieser besonderen Atmosphäre kann auch ein Märchen zum Ausgangspunkt unserer gemeinsamen Arbeit werden.
Zunächst lesen wir es zusammen. Anschließend lade ich dazu ein, eine Szene auszuwählen, die besonders berührt, irritiert oder im Gedächtnis geblieben ist. Danach kann diese Szene gemalt werden.
Dabei geht es nicht darum, schön zu malen. Vielmehr geht es darum, dem, was innerlich entstanden ist, einen Ausdruck zu geben.
Sie wählte „Blaubart“
Eine Klientin entschied sich für das Märchen „Blaubart“.
Es ist ein düsteres Märchen, in dem es um Verbote, Macht, Angst und Bedrohung geht.
Beim Malen wählte die Frau eine besonders intensive, blutgetränkte Szene. Während sie malte, kamen starke Gefühle auf: Panik, Trauer und Schmerz.
Zunächst schienen diese Gefühle zur Szene des Märchens zu gehören. Gleichzeitig berührten sie jedoch etwas sehr Eigenes in ihr.
Als die Geschichte plötzlich ihre eigene berührte
Gemeinsam schauten wir auf das Bild und auf das, was es in ihr ausgelöst hatte.
Dabei ging es nicht um die Frage:
„Was bedeutet Blaubart?“
Viel wichtiger war:
„Was bedeutet dieses Bild für dich?“
Im gemeinsamen Gespräch zeigte sich schließlich eine Verbindung zu Erfahrungen aus ihrer Kindheit – zu Angst, Ohnmacht und Gefühlen, die damals keinen Ausdruck gefunden hatten. Auch das Erleben einer Autorität, der sie sich ausgeliefert gefühlt hatte, wurde spürbar.
Das Märchen hatte ihre Geschichte nicht erklärt. Doch es hatte etwas berührt.
Etwas, das lange im Hintergrund geblieben war und nun wahrgenommen werden konnte.
Ein Bild muss nicht gedeutet werden
Genau das ist mir bei der Arbeit mit inneren Bildern wichtig.
Ich möchte einem Menschen nicht sagen:
„Dieses Bild bedeutet dies oder jenes.“
Denn ein Märchenbild ist kein Rätsel, für das ich die Lösung kenne. Seine Bedeutung entsteht vielmehr aus dem Erleben des Menschen selbst.
Deshalb begleite ich, frage nach und höre zu. Gemeinsam schauen wir darauf, welche Gefühle, Erinnerungen oder Zusammenhänge sich zeigen.
Für diese Klientin wurde das Bild so zu einem Zugang zu einem alten Schmerz. Sie konnte Gefühle wahrnehmen, die lange keinen Raum gehabt hatten, und sich bewusst mit ihnen auseinandersetzen.
Nicht das Märchen hatte etwas „geheilt“. Aber es hatte eine Tür geöffnet.
Märchen sind mehr als Geschichten
Vielleicht faszinieren uns Märchen genau deshalb seit Jahrhunderten. Sie erzählen in Bildern von Erfahrungen, die zutiefst menschlich sind:
Von Angst und Vertrauen.
Von Verlassenwerden und Geborgenheit.
Von Macht und Ohnmacht.
Von Tod und Neubeginn.
Von der Suche nach dem eigenen Weg.
Und manchmal begegnen wir in einem Märchen nicht nur einer fremden Geschichte.
Manchmal begegnen wir darin einem Teil unserer eigenen.
Welches Thema liegt hinter deinem Thema?
Manchmal reagieren wir stärker auf etwas, als wir selbst verstehen können.
Vielleicht taucht ein Gefühl immer wieder auf. Vielleicht wiederholt sich eine Situation. Oder wir wissen längst, dass etwas in unserem Leben nicht stimmig ist – können aber nicht greifen, woher es kommt.
In der Lebensanalyse schauen wir gemeinsam hinter das Offensichtliche und suchen nach dem roten Faden in deiner Geschichte.
